Jan Fleischhauer: „Unter Linken“

Link: www.unterlinken.de
Jan Fleischhauer, SPIEGEL-Journalist, war der erste Deutsche, der den linken Mainstream seiner Heimat beherzt und mutig karikierte. Kritische Menschen wird sein bisweilen bösartiger Humor erfreuen. Leider ist es manchmal etwas „zu intensiv“ geschrieben. Das Buch behält seine Spannung bis ganz zuletzt.
Von der Seite Amazons habe ich nachstehende Ausschnitte eines Interviews genommen:

Wen meinen Sie, wenn Sie von «links» sprechen – die Grünen, die Sozialdemokraten oder die Mitglieder der Linkspartei?

Die Linke, mit der ich mein Leben lang zu tun hatte, ist ein Milieu, das man am besten als Links-Bürgertum bezeichnen kann und das sich schnell an seinen Konsum- und Lebensgewohnheiten erkennen lässt, dieser Lebenswelt aus Biotheke, Tempo-30-Zone und Kinderladen, die sich über ganz Deutschland ausgebreitet hat und heute jedes Innenstadtquartier bestimmt. Links sein ist hier viel mehr als eine ideologische Zuschreibung, die sich an einer Parteipräferenz festmachen lässt, es ist ein Lebensgefühl. Wer links ist, lebt in dem schönen Gefühl, moralisch irgendwie privilegiert zu sein.

«Ein Mann sieht rot», heißt es in der Rowohlt-Verlagsvorschau über Ihr Buch. Sehen Sie tatsächlich so viel Rot, wenn Sie sich im Wahljahr 2009 die politisch-kulturelle Landschaft Deutschlands anschauen?

Jedenfalls ist der alte Gegensatz zwischen links und rechts wieder in Kraft. Bis vor kurzem hieß es doch immer, die alten politischen Unterscheidungen hätten ihre Bedeutung verloren, jetzt ist wegen der Krise allenthalben von der Renaissance der Linken die Rede. Die andere Seite hat übrigens in der politischen Berichterstattung nie eine Renaissance, da kann noch so viel passieren. Für Leute, die der Marktwirtschaft immer schon kritisch gegenüber standen, ist die Wirtschaftskrise ein Gottesgeschenk, weil sie einen jeder weiteren Argumentationsmühe enthebt. Man muss in einer Diskussion nur "Achermann" oder "Wall Street" rufen, wenn sich jemand mit einem schüchternen Einwand hervortraut, und schon wackeln alle Umstehenden einverständig mit den Köpfen.

Sie wuchsen «links behütet» in einem Hamburger SPD-Haushalt auf. Erzogen von einer Mutter, die 39 Jahre treues SPD-Mitglied war, bis sie wegen Beck/Ypsilanti «die Partei» verließ. Haben Sie es je bedauert, nicht in einem konservativeren Elternhaus groß geworden zu sein?

Würde ich mit Ja antworten, müsste ich damit einräumen, dass ich mir andere Eltern vorstellen könnte. Außerdem hätten wir dann ja zuhause nichs zu streiten gehabt, oder mehr noch: Ich wäre vielleicht aus Protest ein Linker geworden. Es ist übrigens gar nicht so schlimm in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem es amerikanische Konsumprodukte aus Prinzip schwer haben und kleinen Kooperativen beim Einkauf grundsätzlich der Vorzug gegeben wird, auch wenn die Kleiebrötchen aus ökologisch wertvollem Anbau wie Brickets schmecken. Andere Kinder müssen auf Grund ihres Glaubens ohne Koteletts groß werden und vier Wochen im Jahr fasten.

«Ich gehöre zu einer Generation, die gar nichts anderes kennt als die Dominanz der Linken …» Die Ära Helmut Kohl, die Kanzlerschaft Helmut Schmidts, die Gerhard-Schröder-Jahre, die Große Koalition unter Führung Angela Merkels – alles «Dominanz der Linken»?

Die Linke ist die kulturell dominierende Macht in Deutschland; sie bestimmt, wie die Dinge zu sehen und zu bewerten sind – das gilt für das Theater, die Kunst und in besonderer Weise die Meinungswirtschaft, in der ich seit 20 Jahren arbeite. Das Volk hingegen hängt störrisch seinen Vorurteilen an, deshalb haben es Linke ja auch so schwer, ganz nach oben an die Regierung zu kommen, denn das setzt in der Regel einen für jedermann zugänglichen Wahlgang voraus.

Konnten Sie Rowohlt-Verleger Alexander Fest mittlerweile eigentlich erklären, weshalb die Linke und der Humor phänotypisch definitiv nicht zusammenpassen …?

Wer laufend gegen das Unrecht kämpft, gegen übermächtige Feinde und böse Machenschaften, dessen Gemütszustand ist notgedrungen etwas angespannt. Das ist durchaus hilfreich bei der Nachwuchsgewinnung, wie sich zeigt; den Reiz, den die Einschreibung bei der Linken ausübt, hängt unzweifelhaft mit ihrer Erregungsbereitschaft zusammen. Für den Humor allerdings ist die Daueraufgeregtheit Gift. Wenn Linke lustig sind, dann wider Willen oder in bewusster Distanz zu ihrer Gesinnung.