„Vive la France“ oder „Unglück und Bequemlichkeit“

Im Jahr 2007 ergab eine Studie, „dass für 75% der Franzosen Arbeit nur mehr Stress bedeutet “. Der Druck im Job hätte gerade in den letzten Jahren stark zugenommen. So seien in den letzten Jahren die Fälle von Mobbing sprunghaft angestiegen, in vielen Firmen hätte es sogar spektakuläre Selbstmord-Serien wegen Arbeitsüberlastung gegeben („France Telekom“).

Soziologen führten dies auf einen „internationaler werdenden Kapitalismus“ zurück und auf „veraltete Managementmethoden“.
„Wirtschaftlich Gebildeten“ war hingegen aufgefallen, dass Frankreich zufälligerweise vor wenigen Jahren die 35-Stundenwoche ohne entsprechende Lohnkürzung eingeführt hatte. Maschinen ließ man für „ein Gehalt“ statt ohnedies schon kurze 38,5 nun nur mehr 35 Stunden laufen. Hätte man sie länger laufen lassen, wären teure Überstunden angefallen – diese Variante schied also aus.
Also sanken die Laufzeiten der Maschinen um satte 9%. Die Gier der „kleinen Leute“ verbot es, dass auch die Löhne im selben Ausmaß sanken. Und so saßen die Firmenchefs in der Zwickmühle: Entweder verlor man Aufträge an Europas Konkurrenz (was Jobs kosten würde) oder man drehte die Maschinen um 9% schneller.

Frankreich hat Plan B gewählt: Man wollte so wenig Zeit wie möglich in der Firma verbringen und ein möglichst kurzes Arbeitsleben obendrein. Dafür nahm man eine (weitere) Steigerung von Arbeitstempo und Druck in Kauf. Franzosen, Deutsche, Österreicher matchen sich seit Jahren um den „Wenigarbeit-Rekord“. Leider auch um den bei Arbeitsstress und Dauerdruck.

Es ist an und für sich kein Problem, wenn eine Gesellschaft beschließt, weniger zu arbeiten. Zugegebenermaßen besitzt dies einen gewissen Charme. Sie braucht sich dann aber auch nicht zu beschweren, wenn ihr Lebensstandard sinkt. Wenig arbeiten, viel verdienen, und das bei minimaler Arbeitsbelastung, das geht halt nicht. Und daran sind nicht die Banken oder gar kapitalistische Managementmethoden schuld.

Interessant, dass die Experten von Attac hier unter dem Stichwort Arbeitszeitverkürzung gerade Frankreich als gelungenes Beispiel anführen.
„Die Produktivität je Arbeitsstunde ist in Frankreich (bei der kürzesten Jahresarbeitszeit) mit € 117,9 pro Stunde extrem hoch, während diese mit € 85,5 in England (mit seinen etwas längeren Arbeitszeiten) sehr gering ist“, weiß man bei Attac . Mag sein, in jedem Fall sind die Franzosen damit sicher nicht glücklicher. Denn der Preis für ihre Bequemlichkeit, nur 35 Stunden in der Fabrik verweilen zu müssen und für ihre Gier, trotzdem soviel verdienen zu wollen, als wäre man 40 Stunden dort gewesen, scheint das arme Volk in Stress und (Auto-) Aggressivität aufzureiben.